Kaum ist das Kind in der Krippe angebetet, kaum klingt das „Ehre sei Gott“ der Weihnachtsnacht nach, stellt die Kirche uns am 26. Dezember einen Toten vor Augen. Stefanus, der erste Märtyrer. Weihnachten kippt abrupt in Blut. Und genau darin liegt seine Wahrheit: Die Menschwerdung Gottes ist kein romantischer Zwischenfall, sondern eine Provokation für eine gefallene Welt.
Stefanus stirbt nicht trotz Weihnachten, sondern wegen Weihnachten. Weil Gott Mensch geworden ist, weil Wahrheit Fleisch angenommen hat, weil das Licht in der Finsternis leuchtet – und die Finsternis es nicht ertragen kann (vgl. Joh 1,5). Der erste Märtyrer steht wie ein dunkler Rahmen um das helle Bild der Krippe: Wer das Kind annimmt, muss damit rechnen, das Kreuz zu tragen.
Stefanus war kein Apostel, kein Priester, kein „geistlicher Profi“. Er war Diakon – ein Mann des Dienstes. Einer, der Brot verteilte, Witwen diente, Arme sah. Und genau er wird zum ersten Zeugen, weil Liebe und Wahrheit untrennbar sind. Wer wirklich liebt, wird früher oder später auch widersprechen. Und wer die Wahrheit ausspricht, riskiert Ablehnung.
Als man ihn vor den Hohen Rat zerrt, verteidigt sich Stefanus nicht mit Rhetorik, sondern mit Heilsgeschichte. Er erzählt von Abraham, Mose, den Propheten – und kommt zu dem Punkt, an dem alles kippt: „Ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist!“ (Apg 7,51). Das ist der Moment, in dem Steine aufgehoben werden. Wahrheit macht wütend, wenn sie das Herz trifft.
Doch das eigentlich Erschütternde geschieht nicht beim Steinewerfen, sondern im Sterben. Stefanus blickt zum Himmel und sieht, was sonst verborgen bleibt: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7,56). Der Himmel öffnet sich nicht am Ende seines Lebens, sondern mitten im Leid. Und dann spricht er Worte, die nur aus Weihnachten geboren sein können:
„Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apg 7,60).
Hier wird das Kind von Bethlehem erwachsen.
Hier wird die Krippe zum Kreuz.
Hier zeigt sich, was Gott-mit-uns wirklich bedeutet: Liebe, die den Tod überlebt.
Der Stefanitag zerstört jede sentimentale Weihnachtsromantik. Er sagt uns: Das Licht ist real – aber es kostet. Wer Christus aufnimmt, wird nicht automatisch bejubelt. Die Kirche wächst nicht durch Applaus, sondern durch Zeugnis. Und Zeugnis heißt: Treue, auch wenn es weh tut.
Doch der letzte Akzent dieses Tages ist nicht der Stein, sondern die Vergebung. Stefanus stirbt wie sein Herr – betend für seine Feinde. Und irgendwo am Rand steht ein junger Mann, der die Mäntel bewacht: Saulus. Der spätere Paulus. Das Blut des Märtyrers fällt nicht ins Leere. Es wird Samen.
Der Stefanitag erinnert uns: Weihnachten endet nicht an der Krippe. Es geht weiter – durch Widerstand, durch Entscheidung, durch Nachfolge. Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch fähig wird, göttlich zu lieben.
Darum feiert die Kirche den ersten Märtyrer direkt nach Weihnachten. Damit wir nicht vergessen:
Das Kind in der Krippe ruft nicht nur zur Anbetung,
sondern zur Hingabe.
Stefanus steht zwischen Krippe und Kreuz –
und zeigt uns, wie Weihnachten gelebt wird,
wenn es ernst wird.