Einleitung
In diesen Lesungen wird das Geheimnis der Menschwerdung in seiner ganzen Tiefe entfaltet: Gottes ewige Weisheit bleibt nicht fern, sondern nimmt Wohnung unter den Menschen. Was im Alten Bund verheißen ist, wird im Neuen Bund Fleisch. Der rote Faden ist klar: Gott wohnt bei seinem Volk – nicht symbolisch, sondern real.
Jesus Sirach 24,1–2.8–12:
Die personifizierte Weisheit spricht selbst. Sie stammt von Gott, ist vor aller Zeit geschaffen und schlägt ihr Zelt mitten im erwählten Volk auf. Zion und Jerusalem werden zum Ort der bleibenden Gegenwart Gottes. Die Weisheit ist nicht abstrakt, sondern lokal, geschichtlich und konkret.
Psalm 147 12–15.19–20:
Gott segnet Jerusalem, indem er sein Wort sendet. Dieses Wort wirkt, schafft Frieden und Ordnung und ist Israel in einzigartiger Weise anvertraut. Der Kehrvers aus Joh 1,14 legt die christologische Deutung fest: Dieses Wort ist Fleisch geworden.
Epheserbrief 1,3–6.15–18:
Paulus öffnet den Blick in den ewigen Ratschluss Gottes. Vor Grundlegung der Welt sind wir in Christus erwählt, zur Sohnschaft bestimmt. Dieselbe Weisheit, die Israel erwählte, zieht nun alle Getauften in Christus hinein. Ziel ist Erkenntnis, Hoffnung und Anteil an der Herrlichkeit.
Johannesevangelium 1,1–18:
Der Prolog verkündet ohne Abschwächung: Das ewige Wort ist Gott und wird Mensch. Es schlägt sein Zelt unter uns auf. Ablehnung und Annahme scheiden sich. Wer glaubt, wird aus Gott geboren. In Jesus Christus wird Gott sichtbar, hörbar, berührbar.
Im Alten Bund offenbart sich Gott als der Bundesgott, dessen Weisheit in der geschichtlichen und rechtlichen Ordnung seines Volkes Gestalt annimmt. Wie die Lesung aus Sirach zeigt, schlägt diese göttliche Weisheit ihr Zelt in Israel auf: Sie wurzelt im erwählten Volk, konkretisiert sich im Gesetz, findet ihren Ort im Tempel auf dem Zion und prägt die Lebensform eines „ruhmreichen Volkes“. Dieses Zelten Gottes ist real und wirksam, aber noch vorläufig: Gott wohnt bei seinem Volk durch vermittelnde Zeichen – durch Gesetz, Kult und Schrift – als heilspädagogischen Weg seiner Nähe.
Der entscheidende Durchbruch im Neuen Bund geschieht, indem diese Weisheit nicht mehr nur gegeben, sondern selbst Mensch wird. Das Johannesevangelium verkündet die unüberbietbare Tat Gottes: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gezeltet.“ Hier tritt an die Stelle einer vermittelten Gegenwart die personale Nähe Gottes selbst. Jesus Christus ist nicht Träger der Weisheit, sondern die personhafte Weisheit und Herrlichkeit Gottes – das lebendige Zelt Gottes mitten unter den Menschen. Damit wird der nationale und gesetzliche Rahmen des Bundes gesprengt: Allen, die ihn aufnehmen, wird die Kindschaft geschenkt.
Diese neue Gegenwart Gottes findet ihre Vollendung im Zelten des Heiligen Geistes im Innersten der Gläubigen. Der Epheserbrief beschreibt dies als Erleuchtung der „Augen des Herzens“ und als Gabe des „Geistes der Weisheit“. Der Neue Bund begründet daher keine neue äußere Religionsordnung, sondern eine innere Sohnschaft: Gott wohnt nicht mehr primär in einem steinernen Tempel oder in geschriebenen Satzungen, sondern durch den Heiligen Geist im Herzen der Getauften, die in Christus leben. Dies ist die letzte Stufe des göttlichen Herabkommens: vom Zelt der Weisheit im Volk, über das Zelt des Wortes in der Person Jesu, bis zum Zelt des Geistes im Menschen.
Liturgisch:
Nimm bewusst an der Eucharistie teil. Bete vor der Kommunion: „Herr, du schlägst auch heute dein Zelt unter uns auf.“
Im Gebet:
Lies Joh 1,14 langsam und kniend. Verweile bei dem Wort „gewohnt“. Danke Gott für seine Nähe, nicht für Gefühle.
Im Leben:
Achte den Leib: deinen eigenen und den des Nächsten. Keine Verachtung, keine Instrumentalisierung. Gott wohnt im Fleisch.