Johannes Paul II., Dies Domini, 1998
https://www.vatican.va/content/john-paul-ii/de/apost_letters/1998/documents/hf_jp-ii_apl_05071998_dies-domini.html
Thomas von Aquin, Summa Theologica, II-II, Q. 122, Art. 4
https://bkv.unifr.ch/de/works/sth/versions/summe-der-theologie/divisions/1609
Die Christen feiern den Sonntag, den Tag der Auferstehung Jesu Christi, als Höhepunkt ihres Glaubenslebens. Schon in der frühen Kirche wurde dieser Tag als „Tag des Herrn“ begangen und als Tag der Freude verstanden. Noch bevor der Sonntag rechtlich als Ruhetag verankert wurde, stand für die ersten Christen nicht die Ruhe im Vordergrund, sondern die Feier der Auferstehung: der Sieg Christi über Sünde und Tod. Der Sonntag war daher von Anfang an ein Freudentag, ein Tag des neuen Lebens: „Am ersten Tag der Woche seid alle fröhlich“ (vgl. Dies Domini).
Doch warum halten Christen den Sonntag und nicht den Sabbat, den heiligen Ruhetag des Alten Bundes?
Der Sabbat hatte im jüdischen Glauben eine zentrale Bedeutung, da er sowohl mit der Vollendung der Schöpfung als auch mit der Befreiung Israels aus Ägypten verbunden war (vgl. Gen 2,1–3; Ex 20,8–11). Mit der Auferstehung Jesu Christi am ersten Tag der Woche begann jedoch für die Christen eine neue Zeitrechnung. Die Auferstehung markiert die wahre Befreiung – nicht nur von äußerer Unterdrückung, sondern von der Versklavung durch die Sünde.
Der Apostel Paulus bringt diesen heilsgeschichtlichen Übergang deutlich zum Ausdruck, wenn er erklärt, dass die Sabbatvorschriften des Alten Bundes lediglich Vorausbilder waren:
„Darum soll euch niemand verurteilen wegen Speise und Trank oder wegen eines Feiertages, Neumondes oder Sabbats; das alles ist nur ein Schatten des Kommenden, die Wirklichkeit aber ist Christus“ (Kol 2,16–17).
Auch die konkrete Praxis der ersten Christen bezeugt diesen Wandel. In der Apostelgeschichte heißt es: „Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren, um das Brot zu brechen …“ (Apg 20,7). Mit dem „Brechen des Brotes“ (griechisch: klasis tou artou) wird hier die eucharistische Feier bezeichnet, in der die Kirche den Tod und die Auferstehung Christi sakramental vergegenwärtigt. Ebenso schreibt Paulus: „An jedem ersten Tag der Woche lege jeder von euch etwas zurück und sammle es an …“ (1 Kor 16,2). Diese Sammlung ist als Kollekte zu verstehen, also als geordnete Gabe der Gemeinde, insbesondere zugunsten der Bedürftigen.
Im Neuen Testament wird auch an mehreren Stellen berichtet, dass die Apostel am Sabbat in die Synagoge gingen. So heißt es beispielsweise, dass Paulus und Barnabas am Sabbat nach Antiochia in Pisidien zum Gottesdienst in die Synagoge gingen und dort predigten, und dass anschließend viele Zuhörer baten, auch am nächsten Sabbat wiederzukommen (vgl. Apg 13,14.42–44). Ebenso kommt in Apg 16,13 und Apg 17,2 die wiederholte Teilnahme an Sabbatversammlungen vor, an denen Christen im Kontext der Synagoge das Evangelium verkündigten. Diese Sabbatbesuche stehen im Rahmen der jüdisch-christlichen Missionspraxis, nicht jedoch als eigenständige christliche Eucharistiefeiern.
Diese biblischen Zeugnisse verdeutlichen, dass die frühe Kirche den Sonntag als den wöchentlichen Festtag der Auferstehung Jesu feierte und ihn als Zeichen des Neuen Bundes lebte, während der Sabbat dem Alten Bund zugeordnet blieb.
Thomas von Aquin erklärt in der Summa Theologica, dass der Sabbat ein spezifisches Zeichen des Alten Bundes war. Diese Einordnung wird bereits im Alten Testament selbst ausdrücklich bestätigt. In Exodus 31 bezeichnet Gott den Sabbat als ein besonderes Bundeszeichen zwischen sich und den Kindern Israels:
„Die Israeliten sollen den Sabbat halten … als ewigen Bund. Er ist ein Zeichen zwischen mir und den Israeliten für alle Zeiten“ (Ex 31,16–17).
Der Sabbat ist damit nicht einfach ein allgemein gültiger religiöser Brauch, sondern ein konstitutives Zeichen des Sinai-Bundes, ein sichtbarer Marker der besonderen Bundesbeziehung zwischen Gott und Israel. Gerade als solches Zeichen gehört er zur heilsgeschichtlichen Ordnung des Alten Bundes.
Mit dem Kommen Christi wird dieser Bund jedoch nicht erneuert, sondern überboten und vollendet. Der Neue Bund ist, wie der Prophet Jeremia verheißt, nicht mehr auf steinerne Tafeln geschrieben, sondern in die Herzen der Menschen eingeschrieben (vgl. Jer 31,31–34). Was im Sabbat äußerlich bezeichnet wurde, verwirklicht Christus nun innerlich: die endgültige Ruhe in Gott und die Befreiung von der Knechtschaft der Sünde.
Der Sabbat gehörte zu den zeremoniellen Vorschriften (also zu jenen kultischen Regelungen, die als religiöse Zeichen auf Christus hinweisen), die durch Opfergesetze und rituelle Ordnungen die Ankunft des Messias vorausdeuteten. Mit dem Kommen Jesu Christi, der die alttestamentlichen Verheißungen erfüllte, verloren diese zeremoniellen Vorschriften ihre verbindliche Geltung.
Für Thomas bedeutet „Erfüllung“ dabei nicht bloße Abschaffung, sondern Vollendung. Christus verwirklicht die innere Wahrheit dessen, was im Alten Bund nur vorgebildet war. Die Sabbatruhe verweist letztlich auf die Befreiung von der Sünde und auf die Gemeinschaft mit Gott, die Christus durch sein Pascha-Mysterium – Leiden, Tod und Auferstehung – endgültig schenkt. Die alttestamentlichen Zeremonien waren daher Schatten, die auf diese Wirklichkeit hinführten.
Vor diesem Hintergrund erklärt Thomas, dass es für Christen sündhaft sein kann, den Sabbat des Alten Bundes zu halten, wenn dies so geschieht, als sei er weiterhin heilsnotwendig. Denn die zeremoniellen Vorschriften des Alten Bundes waren nach Thomas gleichsam ein „Bekenntnis in Zeichenform“, dass die Erlösung noch aussteht. Wer sie nach dem Kommen Christi weiterhin als verpflichtendes Bundeszeichen festhält, bringt damit faktisch zum Ausdruck, dass Christus das Heil noch nicht vollbracht habe. Ein solches Festhalten am Sabbat würde daher die Erfüllung der alttestamentlichen Vorschriften in Christus leugnen und den Neuen Bund zurückweisen. Der Sonntag hingegen ist das Zeichen dieses Neuen Bundes: Er gründet nicht auf Erwartung, sondern auf Erfüllung und bekennt, dass Christus wahrhaft auferstanden ist und das Heil bereits geschenkt wurde.
Entscheidend ist festzuhalten, dass weder das Halten des Sabbats noch die Feier des Sonntags den Menschen „in den Himmel bringt“. Der Mensch kann sich das Heil nicht verdienen; es ist Geschenk der Gnade Gottes. Diese grundlegende Frage wurde bereits in der Urkirche geklärt, besonders auf dem ersten Jerusalemer Apostelkonzil (Apg 15). Anlass war der Streit, ob Heidenchristen verpflichtet seien, das mosaische Gesetz – insbesondere Beschneidung und kultische Vorschriften – zu halten, um gerettet zu werden. Petrus weist diese Vorstellung entschieden zurück und sagt:
„Warum stellt ihr Gott auf die Probe und legt den Jüngern ein Joch auf den Nacken, das weder unsere Väter noch wir tragen konnten? Vielmehr glauben wir, durch die Gnade des Herrn Jesus gerettet zu werden, auf gleiche Weise wie sie“ (Apg 15,10–11).
Das Konzil beschließt daraufhin, den Heidenchristen kein Gesetzesjoch aufzuerlegen, sondern nur wenige konkrete Weisungen zu geben: „dass sie sich fernhalten von Götzenopferfleisch, von Blut, vom Erstickten und von Unzucht“ (Apg 15,29; vgl. Apg 15,20). Diese Vorschriften sind nicht als neue Heilsbedingungen zu verstehen, sondern dienen dem Schutz des Glaubens an den einen Gott sowie dem Frieden und der Gemeinschaft zwischen Juden- und Heidenchristen. Insbesondere der Verzicht auf Götzenopferfleisch bewahrt die Gemeinde vor dem Rückfall in den Götzendienst und sichert die klare Abgrenzung vom heidnischen Kult.
Diese paulinische Grundentscheidung spiegelt sich auch in der konkreten seelsorglichen Praxis des Apostels wider. In Römer 14 behandelt Paulus ausdrücklich die Frage heiliger Tage und erklärt:
„Der eine hält einen Tag höher als den anderen, der andere hält alle Tage gleich; jeder sei seiner Meinung gewiss“ (Röm 14,5).
Damit macht Paulus deutlich, dass die Bewertung bestimmter Tage im Neuen Bund keine Frage der Zugehörigkeit zum Heil mehr ist, sondern dem persönlichen Gewissen überlassen bleibt. „Tage“ fungieren für Christen nicht mehr als Bundesmarker oder Identitätskriterium, sondern als mögliche Ausdrucksformen eines individuellen Glaubensvollzugs.
Diese paulinische Freiheit ist kaum mit der Vorstellung vereinbar, der Sabbat müsse weiterhin als verpflichtendes Bundeszeichen für Christen gelten. Was Paulus ausdrücklich zur Gewissensfrage erklärt, kann nicht zugleich heilsnotwendiger Maßstab des Neuen Bundes sein.
Der Sonntag ist daher kein neues Gesetz, das an die Stelle des Sabbats tritt und dessen Einhaltung heilbringend wäre, sondern Antwort auf die bereits geschenkte Erlösung in Christus. Die Feier des Sonntags ist Ausdruck des Glaubens und der Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn, nicht Voraussetzung für das Heil. In dieser Perspektive wird deutlich: Der Neue Bund gründet nicht auf gesetzlicher Pflichterfüllung, sondern auf der Gnade Christi, die den Menschen innerlich verwandelt und ihn befähigt, den Willen Gottes in Freiheit zu leben.
In dieser Perspektive wird deutlich, dass der Neue Bund grundlegend anders verfasst ist als der Alte. Während im Alten Bund Gehorsam gegenüber dem Gesetz oft im Rahmen von Segen und Fluch, Belohnung und Strafe beschrieben wird, gründet der Neue Bund auf der inneren Erneuerung des Menschen. Gott schenkt nicht bloß neue Gebote, sondern ein neues Herz und einen neuen Geist, der den Menschen befähigt, den Willen Gottes von innen her zu tun (vgl. Jer 31,31–34; Ez 36,26–27).
Der Gehorsam des Christen ist daher keine äußere Pflichterfüllung, um göttliche Belohnung zu erlangen oder Strafe zu vermeiden, sondern Antwort der Liebe auf die geschenkte Gnade. Der Heilige Geist wirkt im Inneren des Menschen und formt seinen Willen so, dass er das Gute erkennt und aus tiefster innerer Liebe zu Gott tut. In diesem Sinn ist auch die Feier des Sonntags keine gesetzliche Verpflichtung im Sinne des Alten Bundes, sondern Ausdruck eines verwandelten Herzens, das aus der Gemeinschaft mit dem auferstandenen Christus lebt.
Ein zentrales Thema des Sonntags ist der Liebesbund zwischen Christus und seiner Kirche, der in der Eucharistie immer neu erneuert wird. Johannes Paul II. beschreibt die sonntägliche Eucharistiefeier als den Höhepunkt dieses Liebesbundes: „Es ist der gekreuzigte und auferstandene Christus, der durch die Reihen seiner Jünger geht, um sie mit sich in die Erneuerung seiner Auferstehung zu führen.“
Wie in der ehelichen Vereinigung der Ehebund erneuert und vertieft wird, so erneuert die Eucharistie den Bund zwischen Christus und seiner Kirche. Die Gläubigen empfangen den Leib und das Blut Christi und werden hineingenommen in seine göttliche Freude.
Der hl. Johannes Chrysostomos mahnt, den Leib Christi nicht nur in der Eucharistie, sondern auch in den Bedürftigen zu erkennen: „Verehre ihn nicht hier im Tempel mit Seidenstoffen, um dann draußen an ihm vorüberzugehen, wo er unter Kälte und Nacktheit leidet.“ Die Liebe, die aus der Eucharistie erwächst, muss sich in der konkreten Nächstenliebe zeigen, denn ohne Liebe gibt es keine wahre Freude. Jesus selbst verbindet seine Gebote mit der Freude: „Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird“ (Joh 15,11).
Der Sonntag war von Anfang an ein Tag der Freude. Die Christen freuten sich über die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, wie die Jünger, die jubelten, als sie den Herrn sahen (Joh 20,20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen). Diese Freude ist tief in der Liebe Christi verwurzelt und findet ihren Ausdruck in der Eucharistiefeier. Johannes Paul II. beschreibt sie als „innere Teilhabe an der unergründlichen, zugleich göttlichen und menschlichen Freude im Herzen des verherrlichten Herrn Jesus Christus“. Die Freude des Sonntags ist daher mehr als eine emotionale Regung; sie ist Ausdruck der lebendigen Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn.
Der Sonntag hat nicht nur eine vergangenheitsbezogene Bedeutung, sondern er weist auch auf die Zukunft hin, auf den Tag der Wiederkunft Christi. Johannes Paul II. betont, dass der Sonntag ein Vorgriff auf den "Endtag", den Tag der Parusie, ist. Durch die Teilnahme an der Eucharistie bereiten sich die Gläubigen auf das ewige Fest vor, das im Himmel gefeiert wird. Der Sonntag „nimmt den Endtag vorweg“ und erinnert die Christen daran, dass die Welt sich bereits in der Endzeit befindet. Die wöchentliche Feier der Auferstehung Christi ist damit nicht nur ein Rückblick auf die Erlösung, sondern auch ein Blick in die Zukunft, in die ewige Gemeinschaft mit Gott.
Im Katechismus der katholischen Kirche wird der Sonntag als der „achte Tag“ bezeichnet. Dieser achte Tag symbolisiert den Beginn einer neuen Schöpfung und die Erfüllung des göttlichen Planes. Der achte Tag ist nicht nur ein Fortgang der Zeit, sondern ein ewiges Heute, das in der Auferstehung Jesu Christi verwirklicht wird. Durch den Sonntag, den achten Tag, haben die Gläubigen Anteil an dieser neuen Schöpfung und werden eingeladen, auf die endgültige Vollendung des Heilsplans in der Ewigkeit zu warten.
Der christliche Sonntag ist weit mehr als ein bloßer Ruhetag. Er ist das wöchentliche Osterfest, der Tag der Auferstehung Jesu Christi und damit das grundlegende Zeichen des Neuen Bundes. In ihm bekennt die Kirche, dass Christus den Sieg über Sünde und Tod bereits errungen hat und dass das Heil nicht durch gesetzliche Pflichterfüllung, sondern allein aus der Gnade Gottes geschenkt ist. Der Sonntag tritt daher nicht als neues Gesetz an die Stelle des Sabbats, sondern ist Antwort des Glaubens auf die vollendete Erlösung in Christus.
In der Feier der Eucharistie erneuert sich am Sonntag der Liebesbund zwischen Christus und seiner Kirche. Der auferstandene Herr sammelt seine Gläubigen, schenkt ihnen Anteil an seinem Leben und führt sie in die Freude seiner Auferstehung hinein. Diese eucharistische Gemeinschaft bleibt jedoch nicht auf den Gottesdienst beschränkt, sondern drängt zur tätigen Liebe: Wer den Leib Christi empfängt, ist gerufen, ihn auch im Nächsten zu erkennen und ihm in Liebe zu dienen.
Zugleich weist der Sonntag über sich selbst hinaus. Als „achter Tag“ ist er Vorgriff auf die neue Schöpfung und auf die endgültige Vollendung des Heils in der ewigen Gemeinschaft mit Gott. In der wöchentlichen Feier des Sonntags lebt die Kirche bereits aus dieser Hoffnung und wird eingeladen, aus einem verwandelten Herzen heraus den Willen Gottes zu tun. So bleibt der Sonntag ein Tag der Freude, der Freiheit und der Erneuerung – ein Geschenk Gottes, das den Glauben stärkt und das Leben der Christen prägt.
Neben den Schriften des Neuen Testaments bezeugen auch frühchristliche Texte aus dem späten 1. und frühen 2. Jahrhundert die besondere Bedeutung des Sonntags und die veränderte Stellung des Sabbats im christlichen Glaubensleben. Einige dieser Schriften wurden in der frühen Kirche hoch geschätzt und standen zeitweise nahe an der Grenze des neutestamentlichen Kanons.
Der Barnabasbrief (Ende 1./Anfang 2. Jahrhundert) deutet den Sabbat ausdrücklich typologisch und versteht ihn nicht mehr als wörtlich zu haltendes Gebot des Neuen Bundes. Stattdessen betont der Autor den „achten Tag“ als Tag der neuen Schöpfung und der Auferstehung Christi. Dieser achte Tag, der auf den Sabbat folgt, wird als der eigentliche Freudentag der Christen bezeichnet, an dem Jesus von den Toten auferstanden ist. Damit bringt der Barnabasbrief klar zum Ausdruck, dass die Christen nicht mehr im Zeichen der Sabbatruhe, sondern im Zeichen der vollendeten Erlösung leben.
Auch die Didache („Lehre der zwölf Apostel“), eine der ältesten erhaltenen Kirchenordnungen, bezeugt die regelmäßige sonntägliche Eucharistieversammlung. Sie fordert die Christen auf, sich am „Tag des Herrn“ zu versammeln, das Brot zu brechen und Dank zu sagen. Der Sonntag erscheint hier bereits als selbstverständlicher liturgischer Bezugspunkt des Gemeindelebens, ohne dass der Sabbat als verpflichtender Ruhetag erwähnt würde.
Ein besonders klares Zeugnis findet sich bei Ignatius von Antiochien († um 110). In seinem Brief an die Magnesier beschreibt er Christen als Menschen, die nicht mehr „nach dem Sabbat leben“, sondern ihr Leben nach dem „Tag des Herrn“ ausrichten, an dem Christus durch seine Auferstehung neues Leben geschenkt hat. Für Ignatius markiert dieser Wechsel keinen bloßen Kalenderunterschied, sondern eine existenzielle Neuorientierung: Das Leben der Christen steht unter dem Zeichen der Auferstehung, nicht mehr unter dem Zeichen der Erwartung.
Diese frühen außerkanonischen Zeugnisse zeigen, dass die Feier des Sonntags und die Abkehr vom Sabbat als verpflichtendem Bundeszeichen keine spätere kirchliche Erfindung, sondern bereits in der nachapostolischen Zeit fest verankert waren. Sie bestätigen, dass die Kirche von Anfang an den Sonntag als Ausdruck des Neuen Bundes verstand – nicht als neues Gesetz, sondern als gelebtes Bekenntnis zur Auferstehung Christi und zur neuen Schöpfung, die mit ihm begonnen hat.
Zitate aus Dies Domini
Im übrigen haben, geschichtlich betrachtet, die Christen den Wochentag des auferstandenen Herrn, noch ehe sie ihn als Ruhetag — der zudem damals im staatlichen Kalender gar nicht vorgesehen war — begingen, vor allem als Tag der Freude erlebt. »Am ersten Tag der Woche seid alle fröhlich«
»Man lasse das Fasten und bete, als Zeichen der Auferstehung, stehend; außerdem soll an allen Sonntagen das Halleluja gesungen werden«.
»Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen« (Joh 20,20).
Wie mein ehrwürdiger Vorgänger Paul VI. in dem Apostolischen Schreiben über die christliche Freude ausführte, »ist die christliche Freude ihrem Wesen nach innere Teilhabe an der unergründlichen, zugleich göttlichen und menschlichen Freude im Herzen des verherrlichten Herrn Jesus Christus«.
Er rief daher die Bischöfe auf, »auf die treue und frohe Teilnahme der Gläubigen an der sonntäglichen Eucharistiefeier nachdrücklich hinzuweisen. Wie können sie diese Begegnung, dieses Festmahl vernachlässigen, das uns Jesus in seiner Liebe bereitet? Die Vorbereitung soll jedesmal entsprechend würdig und festlich sein! Es ist der gekreuzigte und auferstandene Christus, der durch die Reihen seiner Jünger geht, um sie mit sich in die Erneuerung seiner Auferstehung zu führen. Es ist hier auf Erden der Höhepunkt des Liebesbundes zwischen Gott und seinem Volk: Zeichen und Quelle der christlichen Freude und Vorbereitung auf das ewige Fest«. (105) Aus dieser Sicht des Glaubens betrachtet, ist der christliche Sonntag ein echte »Festefeier«, ein von Gott dem Menschen geschenkter Tag, damit der Mensch menschlich und geistlich zur vollen Reife gelangt.
Am Tag des Herrn, den das Alte Testament mit dem Schöpfungswerk (vgl. Gen 2,1-3; Ex 20,8-11) und dem Auszug aus Ägypten (vgl. Dtn 5,12-15) verbindet, ist der Christ aufgerufen, die neue Schöpfung und den neuen Bund zu verkünden, die im Ostermysterium Christi vollzogen worden sind.
... die Christen als Verkünder der im Blut Christi erfüllten Befreiung zu Recht ermächtigt fühlten, den Sinn des Sabbats auf den Tag der Auferstehung zu übertragen. Das Pascha Christi hat in der Tat den Menschen von einer viel radikaleren Versklavung befreit als jener, die auf einem unterdrückten Volk lastet: Die Sklaverei der Sünde, die den Menschen von Gott entfernt, entfernt ihn auch von sich selbst und von den anderen und hinterläßt in der Geschichte immer neue Keime der Bosheit und Gewalt.
Die innere Teilnahme an der Freude des auferstandenen Christus muß auch das volle Teilen der Liebe einschließen, die im Herzen des Auferstandenen pulsiert: Freude ohne Liebe gibt es nicht! Jesus selbst erklärt das, wenn er das »neue Gebot« mit der Freude, die er schenkt, in Zusammenhang bringt: »Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe« (Joh 15,10-12).
Der hl. Johannes Chrysostomos äußert sich in diesem Zusammenhang nicht weniger fordernd: »Willst du den Leib Christi ehren? Geh nicht an ihm vorüber, wenn er nackt ist. Verehre ihn nicht hier im Tempel mit Seidenstoffen, um dann draußen an ihm vorüberzugehen, wo er unter Kälte und Nacktheit leidet. Er, der gesagt hat: "Das ist mein Leib", ist derselbe, der gesagt hat: "Ihr habt mich hungrig gesehen und habt mir nicht zu essen gegeben", und "Was ihr für einen der Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" [...]. Was nützt es, daß der eucharistische Tisch mit Goldkelchen überladen ist, wenn Er vor Hunger stirbt? Gib zuerst ihm, dem Hungernden, zu essen, dann kannst du mit dem, was übriggeblieben ist, auch den Altar schmücken«.
Da der Sonntag das wöchentliche Ostern ist, wo der Tag in Erinnerung gerufen und vergegenwärtigt wird, an dem Christus von den Toten auferstanden ist, ist er auch der Tag, der die Bedeutung der Zeit offenbart. ... Aus der Auferstehung hervorgehend, zerteilt er die Zeiten des Menschen, die Monate, die Jahre, die Jahrhunderte, wie ein Richtungspfeil, der sie durchdringt und auf das Ziel der Wiederkunft Christi ausrichtet. Der Sonntag nimmt den Endtag vorweg, den Tag der Parusie, wie er im Geschehen der Auferstehung von der Herrlichkeit Christi angekündigt wird. Der Christ weiß nämlich, daß er auf keine andere Heilszeit zu warten braucht, sondern daß die Welt, wie lange ihre zeitliche Dauer auch währen mag, bereits in der Endzeit lebt.
Es ist tatsächlich von grundlegender Bedeutung, daß sich jeder Glaubende davon überzeugt, weder seinen Glauben leben noch am Leben der Gemeinschaft teilnehmen zu können, wenn er sich nicht vor allem durch die Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistiefeier vom Wort Gottes und vom eucharistischen Brot nährt. Wenn sich in der Eucharistie jene Fülle kultischer Verehrung verwirklicht, die die Menschen Gott schulden und die sich mit keiner anderen religiösen Erfahrung vergleichen lassen. Dies kommt besonders wirkungsvoll in der sonntäglichen Zusammenkunft der ganzen Gemeinde zum Ausdruck, die der Stimme des Auferstandenen folgt, der sie zusammenruft, um ihr das Licht seines Wortes und die Nahrung seines Leibes als ewige sakramentale Quelle der Erlösung zu schenken. Die Gnade, die aus dieser Quelle entspringt, erneuert die Menschen, das Leben und die Geschichte.