Am dritten Adventssonntag (Gaudete) bricht Freude auf, obwohl die Welt noch wüst ist. Diese Freude gründet nicht in Gefühl, sondern in Wahrheit: „Die Ankunft des Herrn steht nahe bevor“ (Jak 5,8). Gott kommt nicht als Idee oder Symbol – Gott kommt selbst, um zu retten und wiederherzustellen.
Jes 35,1–6b.10: Die Wüste blüht, die Schwachen werden gestärkt, Blinde sehen, Lahme springen. Das ist keine Vertröstung, sondern die Ankündigung einer neuen Schöpfung: Gott hebt den Fluch der gefallenen Welt auf. „Er selbst kommt und wird euch retten“ (Jes 35,4) – Erlösung gilt dem ganzen Menschen und der ganzen Schöpfung.
Ps 146 (145),6–7.8–9a.9b–10: Der Psalm beschreibt Gottes Königsherrschaft konkret: Treue statt Willkür, Recht statt Unterdrückung, Brot statt Mangel, Befreiung statt Gefangenschaft. „Der HERR öffnet die Augen der Blinden“ (Ps 146,8). Gottes Macht zeigt sich als heilende Nähe.
Jak 5,7–10: Advent ist Haltung: standhafte, innere Geduld. Wie der Bauer wartet, weil die Frucht schon im Samen liegt, so wartet der Christ aus Gewissheit. Darum keine Verbitterung, keine gegenseitige Anklage. „Seht, der Richter steht schon vor der Tür“ (Jak 5,9).
Mt 11,2–11: Johannes der Täufer stellt aus dem Gefängnis die entscheidende Frage: „Bist du der, der kommen soll?“ Er hatte den Messias als Richter angekündigt – mit Feuer und Gericht. Jesus antwortet nicht mit Theorie, sondern mit Erfüllung der Schrift: „Blinde sehen, Lahme gehen … Armen wird das Evangelium verkündet“ (Mt 11,5). Genau so hatte Jesaja die messianische Zeit beschrieben (Jes 35,5–6). Die Warnung bleibt ernst: „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt“ (Mt 11,6).
Die Lesungen sprechen mit einer Stimme: Der kommende Herr ist der Retter, und seine Nähe fordert Entscheidung. Seine Erlösung reicht weiter als das Individuum: Die Schöpfung selbst jubelt, die Wüste blüht (Jes 35,1–2). Das ist kein poetisches Beiwerk, sondern Verheißung einer neuen Ordnung – des anbrechenden Neuen Bundes. Jesaja kündigt Gottes Kommen als Befreiung an, der Psalm besingt sein Königshandeln, Jakobus formt daraus die Adventshaltung standhafter, innerlich gefestigter Geduld, und das Evangelium setzt das Siegel: Jesus ist der Kommende, er erfüllt Jes 35 sichtbar. Seine Rettung ist konkret und leiblich: Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium verkündet (Mt 11,5). Es geht um die Heilung der gebrochenen Existenz und der gefallenen Welt. Darum trägt alles den Grundton von Freude und unzerstörbarer Hoffnung: „Ewige Freude ist auf ihren Häuptern“ (Jes 35,10). Adventsgeduld heißt daher nicht Vertröstung, sondern Herzstärke: warten wie der Bauer, aus der Gewissheit, dass die Frucht schon im Samen liegt – ohne Verbitterung, ohne Anklage, weil der Herr nahe ist und der Richter vor der Tür steht (Jak 5,8–9).
Jetzt wird das Evangelium scharf. Um Jesu Antwort („Blinde sehen…“) zu verstehen, muss man die Frage des Johannes verstehen. Johannes sitzt im Kerker. Er ist der größte Prophet des Alten Bundes, der das Gericht angekündigt hat: Axt an der Wurzel, Feuer, Scheidung von Spreu und Weizen. Doch was hört er von Jesus? Jesus richtet nicht. Er verbrennt die Sünder nicht. Er isst mit ihnen. Er heilt. Er ist barmherzig. Darum fragt Johannes: „Bist du der, der kommen soll?“ (Mt 11,3). Diese Frage bedeutet: Habe ich mich geirrt? Du bist anders als der Messias, den ich erwartete. Jesus antwortet nicht mit einem abstrakten „Ja“, sondern verweist auf die Zeichen der messianischen Zeit, die bereits im Alten Testament verheißen sind: „Blinde sehen, Lahme gehen…“ – genau das, was Jesaja angekündigt hat (Jes 35,5–6). Johannes kannte diese Texte. Aber er verstand nicht, dass sie nicht Begleitmusik des Gerichts sind, sondern dessen Überwindung.
Hier greift Jesajas harte Formulierung: „Die Rache kommt, die Vergeltung Gottes!“ (Jes 35,4). Viele hören darin Härte. Das Evangelium zeigt, was diese „Vergeltung“ ist: Sie trifft nicht zuerst den Menschen, sondern den Fluch des Sündenfalls. Gott „rächt“ sich an Blindheit, Lähmung, Unreinheit, Tod und der inneren Verhärtung – indem er sie aufhebt. Schon die Propheten hatten dies angekündigt: ein neues Herz aus Fleisch statt aus Stein (Ez 36,26), ein neuer Bund, bei dem das Gesetz ins Herz geschrieben wird (Jer 31,31–33). Was niemand erwartete: dass Gott diesen Bund nicht durch Macht, sondern durch Nähe, nicht durch Vernichtung, sondern durch Heilung vollzieht. Die Wunder Jesu sind keine Show, sondern Zeichen der neuen Schöpfung: Die gefallene Welt wird repariert (Restitutio). Gott kommt nicht, um zu zerstören, sondern um wiederherzustellen. Genau das ist der Anstoß: Wir erwarten einen Messias, der unsere Feinde schlägt; Christus schlägt zuerst die Krankheit der Welt und am Kreuz die Sünde selbst. Darum sagt Jesus: „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt“ (Mt 11,6).
Am Ende steht der Epochenbruch: „Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er“ (Mt 11,11). Johannes ist der Größte, weil er der Gipfel des Alten Bundes ist: Prophetie, Askese, Erwartung – er steht an der Schwelle. Der „Kleinste“ ist größer nicht durch Leistung, sondern durch Seinsstand. Im Himmelreich beginnt nicht nur Ankündigung, sondern Teilnahme. Durch Taufe und Geist wird der Mensch in Christus hineingeboren; durch die Eucharistie lebt er aus der Gemeinschaft mit dem Kommenden; in der Kirche steht er nicht mehr vor der Tür, sondern lebt im Haus. Ein Knecht draußen mag der größte Diener sein – doch das kleinste Kind im Haus trägt die Würde der Sohnschaft.
Geh bewusst zur Eucharistie (oder zur Anbetung) und bekenne dort: Ich erwarte Heil, nicht Gericht. Lass Christus deine falschen Erwartungen korrigieren.
Bete langsam, mehrmals am Tag – besonders bei Unruhe: „Herr Jesus Christus, heile in mir, was noch unter dem alten Gericht lebt.“
Tu eine stille Tat der Heilung: aufrichten statt urteilen, helfen statt kommentieren – ohne dass jemand davon erfährt.