Am Fest der Taufe des Herrn richtet die Kirche den Blick auf den Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu. Am Jordan wird offenbart, wer Jesus ist und wie Gott handelt: nicht durch Macht und Lärm, sondern durch Geist, Sendung und Hingabe.
Jesaja 42,5a.1–4.6–7: Gott stellt seinen Knecht vor. Er handelt ohne Gewalt, richtet auf, was geknickt ist, und wird zum Bund und Licht für die Völker. Erlösung geschieht leise, aber wirksam.
Psalm 29 (28),1–2.3–4.9–10: Die machtvolle Stimme des Herrn erschüttert die Schöpfung und mündet im Frieden. Gottes Herrschaft ist real, aber auf Frieden hin geordnet.
Apostelgeschichte 10,34–38: Petrus bekennt: Gott sieht nicht auf die Person. Jesus ist mit dem Heiligen Geist gesalbt, zieht umher, tut Gutes und befreit aus der Macht des Bösen.
Matthäus 3,13–17: Bei der Taufe Jesu öffnen sich Himmel, Geist und Vaterstimme. Jesus wird als der geliebte Sohn offenbart, an dem Gott Wohlgefallen hat.
Am Fest der Taufe des Herrn beginnt das Heil nicht mit einem Triumphzug, sondern mit einem Abstieg. Jesus, der ohne Sünde ist, stellt sich in die Reihe der Sünder. Er betritt freiwillig den Ort der Umkehr, nicht um gereinigt zu werden, sondern um zu heiligen. Damit wird klar: Gott erlöst nicht, indem er von oben herab dominiert, sondern indem er hinabsteigt, trägt und verwandelt.
Genau hier leuchtet der massive Kontrast zwischen Antwortpsalm und Evangelium auf. Psalm 29 zeichnet die „Stimme des Herrn“ als Naturgewalt: über den Wassern, voller Kraft, voller Majestät; sie erschüttert, zerlegt, lässt erbeben. Gott thront über der Flut – königlich, furchteinflößend, unangreifbar. Und dann Matthäus 3: der Himmel öffnet sich, dieselbe Stimme spricht wieder – aber sie donnert nicht. Sie zerstört nichts. Sie sagt nur: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ Die „Frequenz“, die einst die Welt erschütterte, wird im Neuen Bund auf eine einzige Sache zugespitzt: Beziehung. Nicht weniger Macht – sondern Macht, die sich in Liebe bindet.
Jesaja 42 liefert den Deutungsschlüssel. Der Erwählte Gottes schreit nicht, lärmt nicht, triumphiert nicht auf der Gasse. Er setzt das Recht durch, ohne Gewalt. Und dann dieser Satz: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht.“ Das ist mehr als eine freundliche Geste gegenüber Schwachen. Im Alten Orient war das geknickte Rohr ein politisches Siegeszeichen: der gebrochene Feind, die demonstrierte Unterwerfung. Wer herrschen will, zertritt den Besiegten, um die eigene Macht öffentlich zu markieren. Jesaja sagt: Der Gottesknecht verweigert diese Logik. Keine Politik der Demütigung, keine Siegespropaganda, keine symbolische Vernichtung. Gottes Herrschaft zeigt sich darin, dass er den Gebrochenen nicht als Trophäe benutzt, sondern als Menschen rettet.
Darum sagt Jesus zu Johannes: „So können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen.“ Diese Gerechtigkeit ist nicht zuerst Gesetzes-Performance, nicht moralische Selbstrettung, nicht religiöse Machtdemonstration. Sie ist Teilhabe am Sohn. Der Sohn steigt ins Wasser, und das Wasser wird zum Anfang eines neuen Bundes: Gott schafft sich ein Volk, das nicht durch Abstammung, sondern durch Sohnschaft lebt. Apostelgeschichte 10 bekennt genau das: Gott sieht nicht auf die Person; er salbt Jesus „mit dem Heiligen Geist und mit Kraft“, und Jesus zieht umher, tut Gutes, heilt, befreit aus der Macht des Bösen – weil Gott mit ihm ist. Der Geist, der am Jordan herabkommt, ist kein Dekor. Er ist die Kraft der Befreiung.
Und hier liegt die Konsequenz für uns: Christus bleibt nicht allein „der geliebte Sohn“, sondern er nimmt uns in diese Sohnschaft hinein. Durch die Taufe werden wir nicht bloß religiös markiert, sondern in den Leib Christi eingegliedert. Das heißt: Wir leben nicht mehr aus uns selbst, nicht aus Leistung, nicht aus Angst, nicht aus dem Zwang, uns zu beweisen. Wir leben aus dem Wohlgefallen Gottes. Sohnschaft ist Identität als Geschenk – und Auftrag als Folge. Wer in Christus Sohn ist, kann aufhören, andere zu demütigen, um sich selbst zu erhöhen. Wer in Christus Sohn ist, muss nicht schreien, um Recht zu schaffen. Wer in Christus Sohn ist, trägt den Frieden Gottes in eine Welt, die vom Lärm der Macht lebt.
Gott spricht. Früher ließ seine Stimme die Zedern splittern. Heute spricht sie den Namen des Sohnes – und in ihm auch deinen Namen. Nicht als Drohung, sondern als Berufung: hinein in die Sanftmut, die nicht zerbricht, hinein in das Recht, das heilt, hinein in den Frieden, den die Welt nicht geben kann.
Liturgisch: Erneuere bewusst dein Taufversprechen, etwa beim Kreuzzeichen mit Weihwasser: „Ich bin in Christus Sohn. Ich gehöre nicht mir selbst. “
Im Gebet: Bete täglich kurz: „Vater, lehre mich, aus deiner Zusage zu leben, nicht aus Angst oder Leistung.“
Im Alltag: Handle einmal bewusst sanft dort, wo du sonst Druck machen würdest. Zerbrich das geknickte Rohr nicht. Verzichte auf Recht-haben, Nachtreten oder Demütigung. So handelt der Messias – und so handelt sein Leib.