Am vierten Adventssonntag steht alles unter der Frage: Lässt der Mensch Gott wirklich nahe heran – oder hält er ihn auf Abstand? Die Liturgie zeigt den Übergang vom alten zum neuen Bund: von kontrollierter Frömmigkeit zu gehorsamer Hingabe. Gott kommt nicht als Idee, sondern als Kind.
Jesaja 7,10–14: Ahas verweigert das Zeichen Gottes und tarnt seinen Unglauben als Frömmigkeit. Gott antwortet nicht mit Diskussion, sondern mit Tat: Er gibt selbst das Zeichen. Immanuel – Gott bleibt seinem Volk treu, auch wenn das Volk sich verschließt.
Psalm 24,1–6: Der kommende Herr gehört die ganze Erde. Doch seine Nähe fordert Wahrheit: Nur wer unschuldige Hände und ein reines Herz hat, darf vor ihn treten. Die Nähe Gottes stellt den Menschen vor eine unerfüllbare Forderung – und bereitet die Sehnsucht nach Gnade.
Römerbrief 1,1–7: Paulus fasst die Heilsgeschichte zusammen: Jesus ist Nachkomme Davids nach dem Fleisch und Sohn Gottes in Macht. Durch ihn kommen Gnade und Glaubensgehorsam. Er ist nicht nur Zeichen, sondern Mittler der Gemeinschaft mit Gott.
Matthäusevangelium 1,18–24: Josef steht zwischen Gesetz und Vertrauen. Er hört das Wort Gottes im Traum und handelt ohne ein einziges gesprochenes Wort. Durch seinen Gehorsam wird die Verheißung Wirklichkeit.
Ahas bekommt ein direktes Angebot Gottes: „Erbitte dir ein Zeichen – tief zur Unterwelt oder hoch nach oben hin!“ Seine Antwort klingt demütig: „Ich werde um nichts bitten und den HERRN nicht versuchen.“ Doch diese scheinbare Frömmigkeit ist in Wahrheit Abwehr. Ahas will Gott nicht in seine Angst, seine politischen Kalkulationen, seine unsichere Realität hineinlassen. Er hält den Himmel auf Abstand, um die Kontrolle zu behalten. Darum spricht Jesaja das harte Urteil: „Ihr ermüdet nicht nur Menschen – ihr ermüdet meinen Gott!“ Die Sünde ist hier nicht offene Rebellion, sondern fromme Distanz – Gott religiös anzuerkennen, aber ihn aus dem Konkreten herauszuhalten.
Gott lässt sich nicht wegkomplimentieren. „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben.“ Dieses Zeichen ist radikal anders: nicht spektakulär, nicht laut, nicht erzwungen. Es ist ein Kind, verborgen im Leib einer Jungfrau. Die hebräische Bezeichnung almah meint eine junge Frau im heiratsfähigen Alter – in dieser Kultur mit der klaren Implikation der Jungfräulichkeit. Das Zeichen ist gerade das Unmögliche, das Gott selbst wirkt. Gott rettet nicht, indem er den Menschen überfährt, sondern indem er sich klein macht und um Zustimmung wirbt.
Genau hier setzt der Psalm die harte Gegenfrage: Wenn dieser Herr wirklich kommt – wer darf vor ihn treten? „Unschuldige Hände und reines Herz“ – das ist kein moralischer Ratschlag, sondern ein unerbittlicher Torwächter. Der Mensch hat diese Reinheit nicht aus eigener Kraft. Der Psalm ist daher nicht nur Forderung, sondern Anklage: Wenn Gott nah kommt, wird unsere Unreinheit unerträglich sichtbar. Die menschliche Frömmigkeit endet an dieser Kluft.
Paulus enthüllt, wie dieser Abgrund überwunden wird: durch Jesus Christus. Er ist beides: „dem Fleisch nach geboren als Nachkomme Davids“ und „dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt als Sohn Gottes in Macht“. Er ist das Zeichen, das Jesaja verspricht – und zugleich der Mittler, der das reines-Herz-Problem löst: „Durch ihn haben wir Gnade und Apostelamt empfangen, um Glaubensgehorsam aufzurichten.“ Das ist die revolutionäre Logik: Gott fordert Reinheit und schenkt sie zugleich. Er verlangt Gehorsam und bewirkt ihn durch seine Gnade.
Im Evangelium steht Josef genau an dieser Schwelle. Er ist „gerecht“ – doch seine Gerechtigkeit zeigt sich nicht im kalten Gesetzesvollzug, sondern in der Weigerung, Maria bloßzustellen. Sein Plan ist menschlich edel: stiller Rückzug. Doch Gott korrigiert diese menschlich „milde“ Lösung: „Fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen.“ Gott ruft Josef aus der frommen Distanz in die konkrete Zustimmung. Josefs Antwort ist nicht theologische Diskussion, sondern Gehorsam: „Er tat, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte.“ Zusammen mit Marias Fiat entsteht so das neue Muster: Gott wird konkret, also wird Gehorsam konkret.
Warum heißt das Kind „Jesus“, wenn Jesaja „Immanuel“ prophezeit? Weil beide Namen zwei Seiten derselben Wahrheit öffnen:
Jesus bedeutet „Gott rettet“ – das ist seine Mission: „denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.“
Immanuel bedeutet „Gott mit uns“ – das ist seine Identität: Gott ist selbst gegenwärtig in diesem Kind.
Das eigentliche Wunder ist nicht nur die jungfräuliche Empfängnis, sondern wie Gott die Geschichte rettet: Er repariert nicht zuerst die politischen Verhältnisse (Ahas' Königreich), sondern die Zustimmung des Herzens (Josef/Maria). Gott rettet die Welt, indem er die Schnittstelle verändert, an der Heil überhaupt in die Zeit eintreten kann: den menschlichen Gehorsam.
Advent wird so zur Umkehr der Steuerlogik: Nicht ich plane mein Leben und bitte Gott um Segen für meine Pläne – sondern Gott spricht zuerst, und ich ordne mich diesem Wort ein. Das ist der Beginn des neuen Bundes. Ahas' fromme Verweigerung ist das alte Muster: Gott darf religiös sein, aber nicht konkret. Josef ist das neue Muster: Gott wird konkret, also wird mein Gehorsam konkret.
Gott überwindet unsere fromme Distanz nicht durch Überwältigung, sondern durch verletzliche Nähe – und verwandelt so unseren ängstlichen Rückzug in freien, rettenden Gehorsam.
Beichte: Psalm 24 ernst nehmen. Reinheit kommt nicht aus Leistung, sondern aus Reinigung. Geh zur Beichte und bring Gott deine Kontrolle und deine Angst.
Josef-Tat setzen: Tu eine konkrete Gehorsamstat, die dich etwas kostet: Versöhnung, Wahrheit, Verzicht. Keine Worte. Keine Erklärung. Einfach handeln.
Immanuel leben: Nimm dir täglich zwei Minuten Stille. Sprich: „Du bist mit mir.“ Übergib Gott bewusst eine konkrete Angst.